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04.01.2009 15:49
Helena Pertovna Blavatsky, Vorrede zur Geheimlehre Zitat · antworten


Helena Pertovna Blavatsky

Vorrede zur ersten Auflage.

aus Geheimlehre Bd. 1, Übersetzung Dr.Phil.Robert Froebe

Die Verfasserin - richtiger gesagt: die Schreiberin, hält es für notwendig, die lange Verzögerung, die das Erscheinen dieses Werkes erfahren hat, zu entschuldigen. Sie wurde verursacht durch Unwohlsein und durch die Größe des Unternehmens Selbst die nunmehr herausgegebenen zwei Bände führen den Entwurf nicht vollständig aus, und erörtern auch nicht erschöpfend die in ihnen behandelten Gegenstände. Eine große Menge Materials wurde bereits vorbereitet, das die Geschichte des Occultismus, insoferne sie in den Biographien der großen Adepten der Arischen Rasse enthalten ist, behandelt, und den Einfluß der occulten Philosophie auf die Lebensführung, wie sie ist oder sein sollte, zeigt. Sollten die vorliegenden Bände eine günstige Aufnahme erfahren, so wird keine Anstrengung gespart werden, um den Entwurf des Werkes in seiner Gänze durchzuführen. Der dritte Band ist vollständig fertig, der vierte nahezu. Es muß noch erwähnt werden, daß dieser Plan nicht ins Auge gefaßt war, als die Vorbereitung des Werkes zuerst angekündigt wurde. Nach der ursprünglichen Ankündigung war es beabsichtigt, daß die "Geheimlehre" eine berichtigte und erweiterte Bearbeitung von "Isis entschleiert" sein solle. Es fand sich aber bald, daß die Erläuterungen, welche zu denen noch hinzugefügt werden konnten, die in dem letztgenannten und anderen esoterische Wissenschaft behandelnden Werken bereits der Welt gegeben worden, so beschaffen waren, daß sie eine andere Art der Behandlung erforderten; und daher enthalten die vorliegenden Bände alles in allem keine zwanzig aus "Isis entschleiert" entnommenen Seiten. Die Verfasserin hält es nicht für nötig, die Nachsicht ihrer Leser und Kritiker für die vielen Mängel des litterarischen Stils, und für das unvollkommene Englisch, das in diesen Blättern gefunden werden mag, zu erbitten, sie ist eine Ausländerin, und ihre Kenntnis der Sprache wurde erst im späteren Alter erworben.

Die englische Sprache wendete sie deshalb an, weil sie das weitverbreitetste Mittel zur Mitteilung der Wahrheiten darstellt, welche der Welt vorzulegen ihre Pflicht geworden ist.

Diese Wahrheiten werden in keinem Sinne als eine Offenbarung vorgebracht; noch beansprucht die Verfasserin die Stellung einer Enthüllerin einer jetzt zum erstenmale in der Weltgeschichte veröffentlichten mystischen Lehre. Denn der Inhalt dieses Werkes findet sich in Tausenden von Bänden zerstreut, in den Schriften der großen asiatischen und alten europäischen Religionen verborgen unter Hieroglyphe und Symbol, und wegen dieser Verhüllung bisher unbeachtet gelassen. Nunmehr wird der Versuch gemacht, die ältesten Lehrsätze zu sammeln und ans ihnen ein harmonisches und unzerstückeltes Ganzes zu machen. Nur insofern ist die Schreiberin besser daran als ihre Vorgänger, daß sie nicht zu persönlichen Speculationen und Theorien ihre Zuflucht zu nehmen brauchte. Denn dieses Werk ist eine teilweise Darlegung dessen, was ihr selbst von weiter vorgeschrittenen Schülern gelehrt worden, nur in einigen Einzelheiten ergänzt durch die Ergebnisse eigenen Studiums und Beobachtens.

Die Veröffentlichung vieler der hier aufgestellten Thatsachen war notwendig gemacht worden durch die wilden und phantastischen Spekulationen, denen viele Theosophen und Schüler des Mysticismus während der letzten paar Jahre sich hingegeben haben, indem sie versuchten, ein (ihrer Einbildung nach) vollständiges Gedankensystem mit Hilfe der wenigen ihnen bis dahin mitgeteilten Thatsachen auszuarbeiten.

Es ist unnötig, auseinanderzusetzen, daß dieses Buch nicht die Geheimlehre in ihrer Gänze ist, sondern eine ausgewählte Anzahl von Fragmenten ihrer Fundamentallehrsätze, wobei besondere Aufmerksamkeit gewissen Thatsachen gewidmet wurde, die von verschiedenen Schriftstellern aufgegriffen und bis zur vollkommenen Unkenntlichkeit der Wahrheit entstellt worden sind.

Hingegen ist es vielleicht wünschenswert, unzweideutig festzustellen, daß die in diesen Bänden, wenn auch noch so fragmentarisch und unvollständig enthaltenen Lehren weder der indischen, der zoroastrischen, der chaldäischen oder der ägyptischen Religion, noch dem Buddhismus, Islam, Judentum oder Christentum ausschließlich angehören. Die Geheimlehre ist die Essenz von allen diesen. Die in ihrem Anbeginn aus ihr entsprungenen verschiedenen religiösen Systeme werden nunmehr in ihr ursprüngliches Element zurückgeleitet, aus dem jedes Mysterium, und Dogma entsprossen ist, sich entwickelt hat und ins Sinnliche herabgezogen worden ist.

Es ist mehr als wahrscheinlich, daß das Buch von einem großen Teile des Publikums für einen Roman der wildesten Art gehalten wird; denn wer hat jemals von einem Buche des Dzyan gehört?

Die Verfasserin ist daher vollständig darauf vorbereitet, alle Verantwortung für den Inhalt dieses Werkes zu übernehmen, ja selbst der Anschuldigung, das Ganze erfunden zu haben, ins Gesicht zu sehen. Daß es viele Unzulänglichkeiten hat, weiß sie gar wohl; alles, was sie für dasselbe verlangt, ist, daß, so romantisch diese neue Genesis auch vielen erscheinen mag, doch logischer Zusammenhang und Consequenz dieselbe auf jeden Fall berechtigen, den "praktischen Hypothesen", wie sie die moderne Wissenschaft so bereitwillig annimmt, gleich geachtet zu werden. Ferner beansprucht das Werk Beachtung, nicht durch Berufung auf irgend eine dogmatische Autorität, sondern weil es sich eng an die Natur hält, und die Gesetze der Einheitlichkeit und Analogie zur Richtschnur nimmt.

Die Absicht dieses Werkes kann also dahin festgestellt werden: zu zeigen, daß die Natur nicht "ein zufälliges Zusammentreffen von Atomen" ist, und, dem Menschen seinen richtigen Platz im Weltenplan zuzuweisen, die uralten Wahrheiten, welche die Basis aller Religionen sind, aus Erniedrigung zu befreien, und bis zu einem gewissen Grade die fundamentale Einheit, aus der sie alle entsprungen sind, aufzudecken; schließlich zu zeigen, daß die Wissenschaft moderner Civilisation niemals der occulten Seite der Natur nahegekommen ist.

Wenn dies in irgend welchem Maße erfüllt worden ist, ist die Verfasserin zufrieden. Das Buch ist im Dienste der Menschheit geschrieben, und von der Menschheit und den zukünftigen Generationen muß es beurteilt werden. Seine Verfasserin anerkennt keinen niedrigeren Appellhof. An Beschimpfung ist sie gewöhnt; mit Verdrehung ist sie täglich bekannt; über Verleumdung lächelt sie in schweigender Verachtung.

De minimis non curat lex.
H. P. B.
London, Oktober 1888.

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