Forum und Zukunftswerkstatt für Theosophie, Anthroposophie, Philosophie, Religion, Kunst und Ethik
Dieses Forum ist ein freies Projekt für die Theosophie des 21. Jahrhunderts von einem Freund der Theosophie unabhängig von allen theosophischen Vereinen
Wie steht die theosophische Gesellschaft eigentlich heute zu Theosophen wie ALICE A. BAILEY, die im extremsten Fall den Holocaust mit dem jüdischen Geist begründen. Aber auch anders würde diese Karma- Theorie ja greifen, praktisch bei jedem Gewaltverbrechen. Anthroposophen sollen so etwas zum Teil ja auch vertreten, aber nur mündlich, soweit ich recherchieren konnte.
Begegnet man dem Zeitgeist, indem man diesen Sachverhalt einfach "unter den Teppich" kehrt?
Nicht falsch verstehen, ich möchte keinesfalls provozieren, mich interessiert das nur wirklich.
Das Problem ist ja die heutige Ethik, welche besagt, dass Opfer von Gewalt niemals schuldig sein können, und meistens wird auch eine "Erbschuld" abgelehnt...
Falls das Thema zu heikel ist, bitte löschen und PN.
Gute Frage! Die verschiedenen Theosophischen Gesellschaften halten von Alice Bailey verschieden wenig. Die Point Loma- Richtung lehnt Alice Bailey generell ab. Die Adyar-TG beführwortet A.B. nicht, und möchte m.E. nicht, dass A.B. bei Studienzusammenkünften ein Rolle spielt. Die TG in D (Hartmann-Lehrrichtung) bearbeitet Alice Bailey nicht. Dasselbe gilt für den Tempel der Menschheit. Die Agni-Yoga-Anhänger lehnen A.B. deutlich ab.
Die Anhänger von Alice B. sind den theos. Büchern gegenüber aufgeschlossener. Doch das Werk von A.B. ist so riesig, dass sie sich eher selten mit der Literatur einer Theos. Ges. beschäftigen.
Lediglich in der TG Adyar wird von einzelnen Mitgliedern hier und da A.B. studiert. Ich habe mich mit ihren Büchern noch nicht tiefer beschäftigt, finde sie aber sehr interessant.
Die Alice-Bailey-Richtung ist also eine Sache für sich, und besteht auch inhaltlich getrennt von den theos. Lehren. Aber diese Trennung ist keine solche, die um einzelne fragwürdige Stellen in ihren Büchern entstanden wäre. Es ist die Gesamtheit ihrer Lehren zu der man bisher noch kein richtiges Verhältnis gewonnen hat.
Den Anhängern von Alice Bailey zu begegnen ist sehr schwierig. Ich habe dies mehrfach versucht - ohne Erfolg. Sie sind nicht in der Öffentlichkeit tätig, wie die Theos. Gesellschaften. Es gibt auch einige öffentliche Projekte, die mir sehr gut erscheinen, und die aber moderne weiterentwicklungen oder Umsetzungen der Lehren des Werks von A.B. sind.
Ob im Werk von A.B. der Holocaust mit Hilfe des Karma-Gesetzes erklärt wird, ist mir nicht bekannt. Man müsste die genaue Textstelle haben, um zu sehen was ist wie und in welchem Zusammenhang geschrieben worden. Anders macht eine Betrachtung keinen richtigen Sinn, weil sehr viel in aufklärerischen, anti-esoterischen "Fachbüchern" und Artikeln behauptet wird, und man sich immer wieder fragen muss, wie kommen die Autoren nur auf diesen Unsinn? Andererseits gibt es einige Mitglieder der Theos. Ges., die die Problematik nie so gründlich ins Auge gefasst haben, und sicher fragwürdige Antworten von sich geben. Die Lehren sind eine komplizierte Sache, und nicht jeder versteht sie auch richtig. So glauben nach wie vor viele Freunde der Theosophie, Karma sei Gerechtigkeit. Das ist es aber nicht, sondern nur das Gesetz von Ursache und Wirkung, wobei die Wirkung zum Verursacher zurück kehrt.
Die manchen Betrachter heute etwas fremd anmutende theos. Karma-Lehre, nach der die Menschen an dem Schicksal, das sie trifft, auch selber verantwortlich sind, ist ursprünglich um 1900 herum der Versuch, die Autonomie des Menschen radikal zu Ende zu denken. Nicht Götter oder der Zufall bestimmen unser Schicksal, sondern wir haben es selbst in der Hand. Wie wir heute handeln, werden wir in künftigen Inkarnationen leben. Die Kehrseite dieser Lehre ist, dass alles bittere Schicksal, dass uns heute trifft, von uns selbst verursacht wurde. Daher ist die Karmalehre pädagogisch gemeint. Wir sollen das Schicksal, dass uns trifft, versuchen anzunehmen, und das Beste daraus machen. Der Verbrecher wird dadurch keineswegs von der Verantwortung für seine Taten entlastet, genauso wenig diejenigen, die einem Opfer keine Hilfe geleistet haben. Sie werden dadurch ein entsprechendes Karma bekommen. Die Karmalehre ist ein Aufruf an uns, anderen Menschen zu helfen.
Einige Autoren z.B. W.Q. Judge sagen, dass auch Völker und Nationen ein eigenes Karma haben. Doch deren Karma ist mMn. mehr die Summe der Einzelkarma aller zugehörigen Menschen, deren frühere Inkarnation in verschiedensten Völkern erfolgte. Das ist aber eine sehr komplexe Sache, und es sollte eigentlich Esoterikern sehr deutlich sein, dass keine Berechnungen aufgestellt werden können, welches Volk welches Karma hat. Das funktioniert schon bei einzelnen Menschen nicht, und ist auch sonst nicht die richtige Herangehensweise.
Wie der Mensch auch rechnet, Karma ist der bessere Rechner!
Behauptet nun aber ein Esotero, der Holocaust sei ja das Karma der Juden gewesen, so bewegt er sich mit dieser Aussage schon mal im abwegigen Polit-Slang unserer Zeit. Das hat dann mit spiritueller Betrachtung nur wenig zu tun, aber dafür sehr viel mit einem ganz schrägen politischen Mißbrauch der Karmalehre. Ein besonderer Aspekt der Karmalehre, der niemals isoliert betrachtet werden darf, wird vom eigentlichen Sinn der K.-Lehre abgetrennt und in einen politischen (hier: antisemitischen) Kontext gesetzt. Das ist ein schwerer Verstoß gegen das Prinzip der Bruderschaft aller Menschen. Alle theosophischen Lehren sind nur von diesem Ideal her richtig verstehbar. Jeder Theosophist, der eine Lehre ohne dieses Ideal studiert, mißbraucht die Lehre zu meistens widerlichen Zwecken! Verharmlosung von Verbrechen mit Hilfe der Karmalehre sind jenseits der echten Theosophie, und müssen - wie jeder brutale Zynismus - ein negatives Karma nach sich ziehen. Die Täter des Holocaust und anderer Verbrechen haben meiner Meinung nach ein furchtbares Karma, dass bis zur letzten Grausamkeit zu ihnen zurückkehren wird. Kann man ihnen helfen? Sie müssen es in allen Bitternissen, die über sie in der Zukunft ausgegossen wird, selber lernen : Das Gute tun, und das Böse unterlassen!
Auch wir können hinsichtlich unseres schlechten Karmas nur bemüht sein, das Gute immer anzustreben.
Ich denke, dass ich hier die richtige Sichtweise der Karma-Lehre vertrete. Es kann sein, dass man von Mitgliedern einer Gesellschaft unzureichende Antworten erhält. Nicht alle Theosophisten sind gleich weit entwickelt. Und einige verstehen auch nicht was sie lesen, und manchmal auch nicht, was sie selber sagen.
Vielen Dank für Deine Frage! Ich hatte gehofft, dass gerade solche Postings hier eingestellt werden, weil ich keine Wohlfühl-Theosophie will, sondern eine Theosophie, deren Ideal es ist, mit der Menscheit für eine bessere Welt zu kämpfen. Heikel ist Deine Frage überhaupt nicht, sondern sehr berechtigt. Heikel wäre es, solche Fragen nicht beantworten zu können, oder gar in der Antwort nicht eindeutig die Partei der Opfer, die Partei der Menschlichkeit zu ergreifen. Heikel wäre es, Verbrechen nicht ganz klar Verbrechen, sondern "irgend wie auch Karma" zu nennen.
Liebe Grüße Robert
Ich möchte hier auch Leser dieser Seite einladen, ihre kritischen Fragen hier im Forum zu stellen. Das ist sehr wertvoll. Ohne Kritik kann sich eine geistige Bewegung nicht zum Guten entwickeln, und wenn eine gute Bewegung in der ethischen Evolution stehen bleibt, oder sogar rückläufig ist, wird aus Gutem schnell Böses.
Also...diese Karma- Lehre, gerade auch im Zusammenhang des Kollektiv- Karmas ist mir schon öfter untergekommen, und beschätigt mich, ich bin nicht jemand, der sowas sofort verwirft, nur weil es verwerflich erscheint.
Ich lese gerade das Buch "Schicksal und Aufgabe der Nationen" von Bailey, was, wie es erscheinen mag, kein nationalistisches Buch ist. Der Titel könnte ja auch beispielsweise der Thule- Gesellschaft zugeordnet werden, dem ist aber definitiv nicht so. Der Nationalismus kommt hier nämlich ganz ganz schlecht weg....
Für gewöhnlich informiere ich mich auch über den Autor, was in Zeiten des Internets ja nicht schwer ist....um schonmal ein Bild zu haben, mit wem ich es zu tun habe. Auf Wikipedia erschien dann eben der Verweis auf den angeblichen Antisemitismus.
Vieles was ich in diesem Buch allerdings schon gelesen habe, habe ich in etwas ähnlicher Form schon bei Steiner lesen können, weshalb ich einfach mal glaube, dass man bei Bailey wenig "Eigenes" findet.
Was den Mißbrauch angeht muss ich dir völlig zustimmen!!!
Alice Bailey und Rudolf Steiner waren beide wichtige Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft Adyar. Beide knüpfen sehr stark an die theos. Lehren an. Während Steiner aussagt, dass er alles was er schreibt durch eigene Schau überprüft hat, gibt Alice Bailey möglichst wortgetreue Übertragungen der Lehren ihres Meisters wieder, schreibt aber auch eigene Bücher (die man alle online lesen kann).
Zitat Ich lese gerade das Buch "Schicksal und Aufgabe der Nationen" von Bailey, was, wie es erscheinen mag, kein nationalistisches Buch ist.
Klar! Theosophen schreiben keine nationalistischen Bücher. Sie streben ja eine Bruderschaft der Menschheit ohne Unterschied von Rasse, Nation, Religion etc an.
"Schicksal und Aufgabe der Nationen" beruht auf der Lehre von den 7 Strahlen, die Rudolf Steiner nicht hatte. Sie wurde erst viele Jahre nach seinem Austritt aus der TG Adyar von Theosophen Ch. Leadbeater und Ernest Wood veröfentlicht. Im Gesamtwerk Alice Baileys wird die Lehre von den 7 Strahlen in umfangreichster Weise vollendet. Das ist ziemlich neu, und gab es so vorher nirgends.
Zitat Also...diese Karma- Lehre, gerade auch im Zusammenhang des Kollektiv- Karmas ist mir schon öfter untergekommen, und beschätigt mich, ich bin nicht jemand, der sowas sofort verwirft, nur weil es verwerflich erscheint.
Das ist gut. Ich bin auch nicht Willens, mich nach der veröffentlichten Meinung zu richten, und deren Massstäbe zu übernehmen. Ich habe ja meine eigenen (theosophischen) Wertvorstellungen. Das höchste Ideal ist für mich die allumfassende Bruderschaft der Menschheit. Wenn ich mal in die Verlegenheit komme, theos. Lehren kritisieren zu müssen, dann immer aus diesem Ideal heraus - d.h. eine theosophische Kritik!