Meine spirituelle Bahn in diesem Leben begann im Alter von 13/14 Jahren mit zwei Büchern Rudolf Steiners. Ich lebte zu diesem Zeitpunkt in einer Kleinstadt der DDR. Solche Bücher waren damals nicht gerade verbreitet, ich fand sie aber doch, bzw. sie fanden mich - in dem Bücherschrank meines Großvaters, den ich persönlich nie kennengelernt habe. Wie sie dorthin kamen, lässt sich nur vermuten.
Es handelte sich um die Werke "Geheimwissenschaft im Umriss" und "Theosophie" in je einer Ausgabe der 20er Jahre. In den hinteren Teilen der Bücher waren viele Seiten noch unaufgeschnitten, d.h. die Seiten klebten durch die Seitenrandfarbe noch ein wenig zusammen. Sie waren vor mir noch nie geöffnet worden.
Ich war von diesen Büchern sehr fasziniert, und war wohl zu recht der Meinung, dass sie dem Inhalt nach in der DDR verboten sein müssten. Ich glaubte auch, der Autor "Rudolf Steiner" sei ein außergewöhnlich geheimisvoller und vergessener Philosoph, und nur ich alleine auf dieser Welt hätte noch ein Exemplar seiner kostbaren Bücher. Ich begann dann auch mich mit dem Inhalt zu beschäftigen und zuerst mit der "Geheimwissenschaft" - denn das klang ganz besonders geheimnisvoll. Nach zwei oder drei Vorworten - der Band hat viele Vorworte - musste ich einsehen, dass ich dem Autor nicht gewachsen war. Ich verstand rein gar nichts von dem, was er schrieb.
Etwa ein halbes Jahr später versuchte ich einen neuen Anlauf, kam etwas weiter im Text und gab wieder auf. Wieder ein halbes Jahr später startete der nächste Versuch mit ähnlichem Ergebnis. Nach mehreren Anläufen hatte ich mich irgendwann bis in die Mitte des Buches durchgelesen, und bemerkte, dass sich durch das Lesen plötzlich meine Wahrnehmung veränderte. Besonders deutlich ist mir in Erinnerung geblieben, dass ich plötzlich meine Gedanken "hörte" - während ich sie dachte, nahm ich sie wahr. Ich hielt dieses Ereignis für nicht gesund, und brach das Studium ab.
Dann kam die Wiedervereinigung und ich entdeckte plötzlich, dass Rudolf Steiner alles andere als ein vergessener Philosoph war. Eines Tages ging ich in den Buchladen unserer kleinen Stadt, um nachzufragen, ob sie ein Buch von Rudolf Steiner irgendwo bestellen könnten. Sie zogen einen riesigen Band eines Gesamtverzeichnes des Buchhandels hervor, und meinten nach einigem Suchen, welches Buch ich denn bestellen möchte. "Was heißt welches?" war meine Antwort. Die Buchhändlerin sagte:"Na welches von die vielen Büchern Rudolf Steiners - da gibt es hunderte!" In diesem Moment hätte ich gerne mein Gesicht gesehen. Seit diesem Tag weiß ich nicht nur, das es sehr viele Bücher von Rudolf Steiner gibt, ich habe in meinem Buchregal auch unzählige davon zu stehen.
Zunächst aber zog es mich und zieht es auch immer noch zu Helena Blavatsky und ihren Schülern. Ich wurde Mitglied verschiedener Theosophischer Gesellschaften, trat wieder aus und in andere ein usw. Dabei ist mir der große Wert der Theosophischen Lehren sehr bewusst geworden. Nun ist mir auch die Bedeutung der Anthroposophie sehr deutlich. Lange Zeit versuchte ich auf individueller Ebene (Freundschaften) eine kleine Brücke von der Theosophie zur Anthroposophie zu bauen - eine Brücke der Begegnung. Leider stießen meine Baubemühungen auf anthroposophischer Seite immer auf strenge Ablehnung. Niemand mochte dort so richtig, was ich zu bauen beabsichtigte (um es vorsichtig zu sagen). In einem kleinen privaten anthr. Kreis wurde mir sogar ausdrücklich verboten, den Namen "Annie Besant" auch nur auszusprechen. Solchen Namen wolle man dort nie wieder hören.
Durch mehrere solcher Erfahrungen entfernte ich mich für einige Zeit wieder von der Anthroposophischen Gesellschaft etc. Nun ist mir aber deutlich, dass Theosophie und Anthroposophie zusammengehören. Das scheint mir eine zwingende Notwendigkeit zu sein. Daher bin ich seit Anfang des Monats Einzelmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden. Gibt es keine solche Brücke von Mensch zu Mensch, so gibt es sie eben jetzt in mir, weil ich sowohl der einen, wie der anderen Strömung angehöre. In meinem Ich vereine ich beides, und was in meinem Ich sich zusammenfindet, kann auch keine Macht der Welt wieder trennen.
Meine Gedanken "höre" ich jedoch, seit ich denken kann....wüsste nicht, dass es mal anders war. Bin aber auch in der Zeit der Wiedervereinigung geboren.
Was ich aber nicht verstehe ist die strikte Ablehnung von Anthroposophen der Theosophie gegenüber. Das erscheint mir als Dogmatismus. Letztenendes ist doch das Ziel der Theosophie die Menschen geistig zu einen, eine Grundlage zu schaffen um die Menschheit geistig verwachsen zu lassen.
Die Anthroposophie hingegen greift den einzelnen Menschen heraus, auf Grundlage des Verständnisses der Gleichheit aller Menschen, um die Theosophie mit praktischen Ergebnissen zu erweitern. Worauf ich hinaus will ist, dass sowohl die Theosophie als auch die Anthroposophie ein WEG darstellen den Menschen zu sich selbst zu führen, auf gleiche und doch unterschiedliche Art und Weise.
Ich meine mich zu erinnern, dass Rudolf Steiner selbst sogar meinte, dass jede Generation die Anthroposophie für sich neu begründen soll, denn äußere Umstände ändern sich fortwährend.
Das man als Anthroposoph womöglich "den Doktor" als Allwissenden und unantastbaren Heiligen hält, ist mir völlig unverständlich. Das ist für mich Dogmatismus.
Ja, ich bin aber auch noch A- Neuling. ;-) Lese mich aber mit wachsender Begeisterung durch die Veröffentlichungen des Archiati- Verlags, der meiner Meinung nach einer der besten Verlage der Anthroposophie ist. Die Bücher sind in einer heute angemessenen Sprache verfasst, und sie sind vor allem für jeden erschwinglich! Alleine die 2€- Hefte!, größere Bücher kosten zwischen 8 und 24€.
Das kann wirklich jeder bezahlen und der Inhalt ist den Preis wert!
Dazu gekommen bin ich, als ich im Netz durch Zufall über Texte von Steiner stolperte und ich einfach genial fand, was ich dort las. Nachdem ich mich informierte, wurde mir bewusst, welches Lebenswerk dieser Mensch hinterließ, Waldorfschule, auf der ich gern gewesen wäre....Demeter und Eurythmie, sowie organische Architektur und ganzheitliche Medizin.
Glücklicherweise führte eine Buchhandlung in meiner Stadt zur selben Zeit ein Anthroposophie- Regal ein, wo ich dann meine ersten Bücher erwarb, und Leser der "Info3" wurde.
Mir hilft es sehr, es gibt mir Antworten auf Fragen die ich habe. Ich habe das Gefühl, dass es das ist, was ich schon lange suchte....während ich Philosophen wie Nietzsche und Kant las....
die Ablehnung der Theosophie bzw. ihrer Vertreter unter einem größeren Teil der Anthroposophen ist mMn. eine Art Ausgleich für die gewaltsame Emporhebung Rudolf Steiners zu einem übermenschlich großen Denkmal. Würden Anthroposophen nicht vorrangig Rudolf Steiner lesen, sondern auch intensiver die theosophische Literatur, die vor ihm schon geschrieben wurde, dann würde den A. klar werden, dass in diesen Büchern sehr viele Aussagen der Steiner-Bücher schon enthalten waren. Bei Steiner stehen oftmals modifizierte Formen derselben Aussagen. Wird man sich des Umfanges bewußt, in dem Steiner ganz in der theosophischen Weltbeschreibung stehend seine Werke verfasst, dann kann der Mythos vom übermenschlichen Meister Steiner, der vom Himmel mit der Mission herabkam, der Menschheit völlig neues Wissen der Anthroposophie zu bringen, nicht aufrecht erhalten werden. (Ich drücke mich hier natürlich etwas übertrieben aus)Ich will damit aber nicht sagen, Steiner habe theosophische Ideen kopiert. Er war 10 Jahre Generalsekretät der Deutschen Sektion der Theos. Ges. und hat seine Bücher geschrieben und Vorträge gehalten für theosophisches Publikum.
Das Hauptproblem scheint darin zu bestehen, dass beim schicksalhaften Prozess der Herauslösung von Steiner's Anhänger aus der Theos. Ges. soviele zwischenmenschliche Beziehungen beschädigt wurden, dass an eine Wiederannäherung der beiden Strömungen nicht zu denken war. Bereits damals setzte eine Art anthroposophische Apologetik ein, welche die Schuld an der Trennung ganz einseitig Annie Besant und den Theosophen zuschob. Die eigene Mitverantwortung daran wurde nicht erkannt.
In der jungen AG konnte man natürlich größere Fehler auch gar nicht zugeben, da man erstmal die AG festigen und aufbauen wollte. Nach vielen Jahrzehnten hätte man gelassener auf die Ereignisse der Trennung sehen können, aber da setzte mMn. inzwischen ein anderer Prozess ein.
Rudolf Steiner hat einen Weg zur hellsichtigen Wahrnehmung und spirituellen Entwicklung aufgezeigt, mit dem man seine Angaben überprüfen könne. Es ist aber niemanden gelungen (soweit ich weiß) auf diesem Weg seine vielen Angaben hellsichtig zu prüfen. Viele Schüler dieses Weges sind sogar mit seelischem Folgeschäden an den Übungen gescheitert. Damit bekommt Steiners Werk aber die Stellung einer Offenbarung, deren Inhalte man mehr oder weniger nur glauben oder nichtglauben kann. Das Vertrauen, dass die oft anfangs abstrus erscheinenden Aussagen der Anthroposophie wahr sind, begründet sich daher m.E. mehr und mehr auf dem Vertrauen gegenüber der großen Persönlichkeit Rudolf Steiners. Er darf einfach kaum Fehler gehabt haben, denn Zweifel an ihm zieht Zweifel an der Anthroposophie nach sich. Und besonders nervös werden Anthroposophen mMn. wenn sich herausstellt, dass Rudolf Steiner nicht nur bei Autoren seiner Zeit, sondern hinsichtlich okkulter Aussagen bei theos. Autoren Anleihen gemacht hat. Das deutlich wird, dass er nicht so orginell ist, wie man die ganze Zeit über dachte. Wenn Steiners Autorität geringer wird, sind die Mitglieder der AG wieder auf sich selbst und ihre Zweifel zurückgeworfen. Das erzeugt großen Schmerz.
Aus diesen Gründen ist das Vorhandensein der Theosophie ein immer aktuelles Problem für die A., gegen das man sich unbedingt schützen muss, das abgewehrt werden muss. Die Bedeutung der Spaltung wird darum bis in die heutige Zeit übertrieben und parteilich interpretierend dargestellt, anstatt es historisch zu sehen, und sich bewußt zu machen, dass alle Beteiligten eben Menschen mit Stärken und Fehlern waren, und die heutigen Menschen mit diesem 100 Jahre alten Konflikt eigentlich gar nichts direkt zu tun haben. Welcher Anthrop. hätte nicht schon mal den Namen Annie Besants so ausgesprochen gehört, als handle es sich bei ihr um eine Dienerin des Teufels? Nun besteht eine große unbewältigte Trauerarbeit hinsichtlich der Trennung, die auf keiner Seite bis heute geleistet wurde. Seit ca. 100 Jahren wartet die Trauer darauf einen ihr angemessenen Ausdruck und Erlösung zu finden. Es ist die Trauer über das Zerbrechen einer Bewegung in zwei Stücke, welche ihrer übermentalen Idee nach ein untrennbares Ganzes ist.
Die Gründungsmitglieder der Anthropos. Ges. waren allesamt Theosophen, und ein größerer Teil von ihnen hatte noch die klassische theos. Literatur studiert. Es ist Unfug gegen die Theosophie zu sein, da doch die AG aus Theosophen bestand, und auch Rudolf Steiner Theosoph war und ist. Die AG hat ihr theos. Erbe abgelehnt, so wie die dt. Sektion der TG bis heute ihr Erbe an der Anthroposophie ablehnt.
Den Archiati Verlag kenne ich. Doch bin ich momentan zu sehr beschäftigt, um seine Bücher zu lesen. Ich versuche meine wenige Zeit auf die GA zu konzentrieren.
Ich kann Deine Sichtweise nur bejahen: Rudolf Steiner war ein genialer Mensch. Was er lehrte, wäre auch ein sehr wichtiger Impuls für die Theos. Ges., besonders seine Ideen über die Gestaltung einer Gesellschaft und dann natürlich das große zusammenfassende Aufbauwerk: die soziale Dreigliederung, die ja nur gelingen kann, wenn möglichst viele Menschen daran mittun. In der soz. Dreigl. sehe ich die Chance, dass sich alle wieder miteinander verbinden, um unsere Welt vor dem Schlimmsten zu bewahren, und eine bessere Welt zu bauen. Das sollte es Wert sein, historische Streitigkeiten zu erlösen und dahin zu bringen, wo sie hingehören - in die Geschichtsbücher!
Ich dachte bisher, es verhält sich eher andersrum, weil ja eher die Theosophen "beleidigt" sein sollten, von dem, was Steiner tat und geschaffen hat. Aber das Anthroposophen sich der Theosophie verschließen....das eerscheint mir wirklich unverständlich.
Naja, der Faktor "Mensch" eben. ;-)
Bis zu den hellsichtigen Methoden bin ich noch nicht vorgedrungen, ich beschäftige mich zunächst mit Dingen wo ich auch einen praktischen Bezug zu meinem Leben und meiner Entwicklung sehe....und die Hellsicht gehört noch nicht dazu.
Mir kommt das was du berichtest auch deshalb ziemlich befremdlich vor, weil ich die A. bisher als eine friedliche, harmonische und vor allem undogmatische Weltsicht verstanden habe. Allerdings interessiere ich mich auch mehr für Inhalte, als für ihre Verpackung.
Ja, das ist menschliche Begrenzung. Die Geschichte der Trennung ist auch eine äußerst komplexe Sache. Es ist nicht einfach hier die geschichtlichen Entwicklungen mit ihren vielen Widersprüchen richtig einzuordnen. Ich weiß, dass die Theosophen nicht weniger lautstark ablehnend wären. Das dies nie im selben Ausmaß geschehen ist, liegt meiner Überzeugung nach nicht an einer besonderen ethischen Stärke der Theosophen, sondern daran, dass sie zu schwach für eine Auseinandersetzung sind. Sie haben an ihrer Geschichte kein Interesse, und wissen auch gar nicht, dass sie kritisiert werden. Einige wissen, dass Rudolf Steiner mal "Chef der Theosophen" war, allerdings selten von wann bis wann. Das wars dann auch.
In Hamburg ist das anders. Die Theosophische Ges. und m.E. die Anthroposophische Gesellschaft von Nord-Amerika sind Unterzeichner der Deklaration zum Weltethos. Daher haben wir in unserer Loge Hamsa einen Weltethosabend zur Anthroposophie durchgeführt. (Wir sind die einzigen Theosophen in D, die sich seit 2 Jahren intensiv mit dem Weltethos verbinden) Das fanden unsere Mitglieder sehr gut. Leider kamen keine Anthroposophen. Aber das ist nicht seltsam. Viele Anthroposophen wissen gar nicht, dass es die Theos. Ges. noch gibt.
Ausgerechnet die Theosophin, welche von Anthroposophen nach meiner Erfahrung besonders schräg angesehen wird, Annie Besant, hatte in Hamburg am 21.August 1927 gesagt, dass sie sich freuen würde, wenn Mitglieder der Theos. Ges. Mitglied der Anthropos. Ges. würden. Ich habe ihr quasi diese Freude getan.
Annie Besant war genau wie Rudolf Steiner nicht vollkommen. Trotz ihrer Irrtümer in Bezug auf Krishnamurti hatte sie hier dann wieder richtige Haltung eingenommen. Ich habe das vor einigenJahren auf unserer Webseite veröffentlicht: http://www.theosophie-in-hamburg.de/41012/41003.html (der Text ganz unten)
Lieber Robert, die von Ihnen angegebene Stelle aus einer Rede von 1927 finde ich sehr interessant. Über dies Ereignis würde ich gern mehr wissen. Wo kann ich das nachlesen? Rolf Speckner
PS.: Herzlichen Glückwunsch zum Entschluß, auch in der Anthropos. Gesellschaft mItglied zu werden.
der Text befindet sich in dem kleinen, ca. 60 Seiten umfassenden Büchlein: "Vorträge in Deutschland. Von Dr. Annie Besant. Ernst Pieper-Ring-Verlag, Düsseldorf o.J.", Seite 59 (letzter Absatz) bis Seite 61. Es handelt sich um sdie Beantwortung einer Anfrage eines Mitgliedes der TGA. Der Band hat einen grauen Pappeinband. Das Buch scheint es häufiger zu geben. Vielleicht finden Sie das in Ihrer Versandbibliothek, die viele theos. Bücher besitzt (wenn ich mich richtig erinnere - ich habe mal mit dem früheren Leiter telefoniert, und eine Buchspende seltener Bücher (Spörri, Die Frau am Altar u.a.) und die Kopie eines Buches verschickt, das von ihm nachgefragt wurde. Damals hatte ich einen kostenlosen Kopierdienst für die TG-Bibliothek eingerichtet. Die TG-Biblio in HH hat das o.g. Buch mehrfach da.