Script vom Vortrag, gehalten bei der Sommertagung der Theosophischen Gesellschaft Adyar in Lippstadt, am 12. Juli 2009
von rms
Wir haben soeben einige Bilder gesehen, welche in geraffter Form die Entwicklung des Weltethos vom 1. Weltparlament der Religionen bis in die Gegenwart illustriert haben. Um die geistigen Impulse, die zur heutigen Weltethosbewegung führten, richtig verstehen zu können, - jene Impulse also, die in den heutigen Beschreibungen nirgends erwähnt werden - müssen wir in der Betrachtung um über 100 Jahre zurückgehen. Im Herbst 1893 sollte in Chicago eine Kolumbus-Weltausstellung stattfinden, zur 400-Jahrfeier der Entdeckung Amerikas durch Christof Kolumbus. Sie war als ein Triumpf von Naturwissenschaft, Technologie, Industrie im globalen Maßstab geplant - ein Triumph der Moderne! Im damaligen Chicago lebte aber ein Mann, mit einer genialen Idee - Charles Carroll Bonney. Bonney war ein Anhänger des großen christlichen Theosophen Emanuel Swedenborg und Mitglied der Chicagoer Swedenborg Church. Emanuel Swedenborg hatte seinerzeit einer neuen spirituellen Entwicklung Bahn gebrochen, ein neues Paradigma im Christentum eingeleitet. Wie Martin Luther der kirchlichen Reformation zum Durchbruch verhalf, so führte Emanuel Swedenborg die seit Luther sehnsüchtig angestrebte geistige Reformation des protestantischen Christentums zum weltweiten Erfolg. Leider haben es die meisten protestantischen Kirchen versäumt, sich zu diesem Geistchristentum zu bekennen, und die Lehren der christlichen Theosophen in ihre Kirchen zu integrieren. Hängt doch der Bestand dieser Kirchen völlig von ihrer spirituellen Substanz ab!
Charles Bonney aber war diesem Geistchristentum Swedenborgs hingebungsvoll zugewandt. Bei Swedenborg findet sich erstmalig wieder die Idee eines ewigen Fortschritts der gottverbundenen Seelen, durch den sich eines fernen Tages Menschen zu höheren Wesen - zu Engeln - entwickeln werden. Vermutlich war es diese Lehre die Bonney auf die Idee brachte, der triumphalen Leistungsmesse von Technologie und Industrie eine Initiative für einen geistigen Fortschritt der Menschheit hinzu zu stellen. Doch Swedenborg hatte der Christenheit noch größere Lehren gegeben. Swedenborg - ein Eingeweihter hohen Ranges - konnte sich aufgrund ungeheurer Reinheit seiner Konstitution willentlich in den verschiedensten Welten der Astralebene bewegen, und in die eigentlichen Himmel des Devachan versetzen, die er sehr genau von den Schein-Himmeln des Kamaloka zu unterscheiden wusste. Seine Lehren sind die Essenz dieser Erfahrungen und vor allem auch die Essenz der Konversationen die er mit den Wesen der verschiedenen Engel-Hierarchien führte. Er berichtete den Christen seiner Zeit nie zuvor Gehörtes:
"Wer weiß, was den Himmel beim Menschen ausmacht, kann auch erkennen, daß die Heiden ebenso gerettet werden können wie die Christen. Der Himmel ist nämlich im Menschen, und in den Himmel kommt, wer den Himmel in sich hat. Dieser Himmel im Menschen besteht darin, daß er das Göttliche anerkennt und sich von ihm führen läßt. Das Erste und Wichtigste in jeder Religion ist die Anerkennung des Göttlichen. Eine Religion, die das Göttliche nicht anerkennt, ist keine Religion. Die Vorschriften jeder Religion zielen auf den Gottesdienst, das heißt wie das Göttliche angebetet werden soll, damit es annehmbar sei. Wenn dies im Gemüt des Menschen haftet, das heißt wenn er es will oder wenn er es liebt, dann wird er vom Herrn geführt. Es ist bekannt, daß die Heiden ebenso ein sittliches Leben führen wie die Christen, ja viele von ihnen wohl ein besseres.“
"Ich bin auf vielfältige Weise belehrt worden, daß die Heiden, die einen gesitteten Lebenswandel geführt und ihrer Religion gemäß in Gehorsam und Unterordnung, sowie in gegenseitiger Liebe gelebt und daher etwas von einem Gewissen empfangen hatten, im anderen Leben willkommen sind und von den Engeln mit besonderer Sorgfalt über das Gute und über die Wahrheiten des Glaubens unterrichtet werden. Sie benehmen sich dabei bescheiden, verständig und weise. Sie nehmen die Wahrheiten mit Leichtigkeit auf und eignen sie sich an, hatten sie sich doch auch keine falschen, im Gegensatz zu den Glaubenswahrheiten stehenden Grundsätze ausgearbeitet, die erst zu entfernen wären. Noch weniger hatten sie Anstoß am Herrn genommen wie so viele Christen, die ihn für einen gewöhnlichen Menschen halten."
"Die Kirche des Herrn ist über den gesamten Erdkreis verbreitet, folglich universell. Zu ihr gehören alle, die je nach ihrer Religion im Guten gelebt haben."
(Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle )
Für Charles Bonney war daher wohl klar: in allen Religionen wirkt das göttlich Gute. Nicht darauf kommt es an, sich zu bloßen Formeln einer Glaubenslehre zu bekennen, sondern die himmlische Liebe, die Liebe zu Gott, dem Guten und die selbstlose Liebe zum Nächsten zu leben. So wurde es offensichtlich dieser Impuls aus der Welt der Engel, der zur Idee einer Zusammenkunft aller Religionen führte. Bonney organisierte ein Komitee aus Pfarrern, Geschäftsleuten und Pädagogen, die unter dem Vorwand, der Techno-Messe ein kulturelles Begleitprogramm zu organisieren, ein großes Aufgebot führender religiöser Vertreter zusammen zu bringen verstand, die dann das 1. Weltparlament der Religionen organisierten. Mit dabei waren von Anfang an der protestantische Pfarrer John Henry Barrows, der katholische Erzbischof von Chicago P.A. Feehan und der jüdische Reformrabbi Emil Hirsch. Es gelang ihnen Vertreter von 45 verschiedenen Religionen und Organisationen zum Parlament zu vereinen. Man bedenke dabei, dass dies Jahrzehnte vor der Gründung des Völkerbundes war.
Ungeladen kam auch ein damals unbekannter, heute aber sehr berühmter Hindu hinzu – Swami Vivekannanda.
Ein hochrangiger Freimaurer erzählte mir einmal, dass Vivekannanda damals gnädigerweise eine Redezeit von nur 5 min gewährt wurde, schließlich kam er ja uneingeladen. Er begann seine Rede mit der Begrüßung "Schwestern und Brüder in Amerika". Das er, als schon rein äußerlich unverkennbarer Hindu, die Begrüßung so ausdrückte, rief einen Sturm begeisterten Beifalls hervor. Die Menschen standen auf und klatschten so lange, dass seine fünfminütige Redezeit bereits wieder vorbei war, bevor er irgendetwas sagen konnte. So erhielt er neue Redezeit, und konnte schließliche auch viele Ansprachen halten. Es gibt ein Tondokument dieser Rede, dass ich euch kurz auszugsweise vorspielen möchte.
Leider habe ich von den Theosophen, die am 1. Weltparlament der Religionen teilnahmen, keine Tonaufnahmen. Das wäre allerdings etwas, wo es sich sicher lohnt nachzuforschen.
Der eigentliche Vater, oder auch Großvater unserer deutschen Sektion Wilhelm Hübbe-Schleiden hatte in der ersten deutschsprachigen Zeitung für Esoterik und Theosophie, der Zeitschrift Sphinx bereits in der September-Ausgabe 1893 über den „Weltkongress der Religionen in Chicago“ berichtet. Etwa ein Monat vorher, so wird dort berichtet, am 23./24. Juli 1893 fand der jährliche Kongress der Theosophischen Gesellschaft in den Vereinigten Staaten statt. Die Leiter des Vorbereitungs-Komitees des Weltparlamentes der Religionen erkannten anhand dieses Jahrestreffens der Theosophen, dass die Theosophen die Grundidee des Weltparlamentes bereits vertraten. Daher wurden sie nicht nur zum Parlament der Weltreligionen eingeladen - obwohl sie ja keine Religion sind - sondern sie bekamen innerhalb des Weltkongresses der Religionen sogar einen eigenen theosophischen Kongress, der dann auch noch für die beiden Haupttage, den 15. und 16. September angesetzt wurde.
Damals war unsere Theosophische Gesellschaft noch nicht in zwei große Strömungen gespalten. Der damalige Generalsekretär der Amerikanischen Sektion William Q. Judge leitete diesen „Kongress im Kongress“.
Mit dabei waren auch George Wright (Präsident der theos. Sektion in Chicago), George Mead, Bertram Keightley u.a.. Henry Steel Olcott, der in Indien und Asien zur selben Zeit sehr viel zu tun hatte, ließ sich persönlich durch Annie Besant vertreten.
Hübbe-Schleiden erkannte schon damals: Eigentlich hätte der Impuls zu diesem Weltreligionentreffen von der Theosophischen Gesellschaft ausgehen müssen. Sie war aber noch nicht reif dafür! Sind wir es heute? Weiterhin meinte er, dass es doch gut sei, dass die Theosophen zumindest sehr aktiv in das Parlament eingebunden sind. Das können wir heute auch und noch mehr!
Henry Steel Olcott schrieb im Mai 93 hinsichtlich des Weltkongresses der Religionen:
„Wir hoffen innigst, dass diese wahrhaft theosophische Versammlung von Menschen aller Rassen und aller Religionen dazu dienen wird, den Grundgedanken der brüderlichen Liebe und Duldsamkeit, welcher die Grundlage und der Eckstein unserer Theosophischen Gesellschaft ist, zu allgemeiner Geltung zu bringen.“
Leider konnte sich die Hoffnung Olcotts nur teilweise erfüllen. Der größere Teil der christlichen Kirchen, die am Parlament teilnahmen, sahen dieses mehr als ein Mittel an, im großen Stil Missionsarbeit zu leisten. Damals dachten die Christen weltweit noch, sie würden eines Tages alle Menschen der Erde zum Christentum bekehren. Das Parlament der Weltreligionen führte nicht so richtig zu diesen Ziel, und das 1. Parlament blieb für 100 Jahre auch das Letzte. Doch die Entwicklung der Menschheit verläuft oft anders, als die Menschen eines Zeitalters glauben. Das Christentum ist inzwischen mit seinem Missionsziel vollständig gescheitert. Eine neue Form Christentum ist entstanden, dass Helena Blavatsky noch nicht kannte, weshalb auch manches Kritische, was sie über das Christentum schrieb, auf das heutige Christentum angewandt, nicht mehr so ganz zutrifft.
Durch diese Veränderung wurde ein Neubeginn möglich. Anfang der 1990er Jahre begann eine neue Etappe, des Weltparlamentes der Religionen, von der ich noch berichten werde. Der Initiator des ersten Treffens, durch den die Idee in die Welt kam, um sich zu verwirklichen, der Swedenborgianer Charles Bonney sollte mit seinen Worten in seiner Eröffnungsrede 1893 schließlich doch Recht behalten, auch wenn er es nicht mehr erlebte. (Wir sehen daran vieleicht, dass der Erfolg mancher Taten oft erst lange nach unserem Tod eintritt.) Bonney rief aus:
"Am heutigen Tag erhebt sich die Sonne einer neuen Epoche des religiösen Friedens und Fortschrittes über die Welt und vertreibt die dunklen Worte des sektiererischen Streites. Am heutigen Tag blüht eine neue Blume in den Gärten religiösen Denkens und füllt die Luft mit ihrem kostbaren Duft. Am heutigen Tag ist eine neue Bruderschaft geboren in der Welt menschlichen Fortschritts und hilft dabei, das Reich Gottes in den Herzen der Menschen aufzubauen. Epoche, Blume und Brüderlichkeit tragen einen Namen. Es ist ein Name, der die Herzen derjenigen, die Gott verehren und den Menschen lieben, erfreuen wird. Alle jene, die seine Musik hören, lassen es ihn widerhallen zur Sonne und den Blumen. Es ist die Brüderlichkeit der Religionen."
Die Theosophen haben bis heute diese Bruderschaft gelebt und gepflegt, so gut sie konnten, denn es ist ja ein Teil jener spirituellen Idee, die den eigentlichen Sinn und Zweck unserer Theosophischen Gesellschaft ausmacht –unser erstes Ziel, die Begründung der allumfassenden Bruderschaft der Menschheit!
Etwa 90 Jahre später trat ein weiterer genialer Mensch wiederum für die Brüderlichkeit der Religionen ein – Prof. Dr. Hans Küng. Er setzte sich als christlicher Theologe zunächst für die Ökumene ein, und startete Ende der 1980er Jahre das „Projekt Weltethos“. 1990 erschien ein gleichnamiges Buch von ihm. Begleitet waren seinen Bemühungen durch die internationalen Probleme und der Arbeit zu ihrer Lösung, wie sie durch das InterAction Council geleistet wurde, und das Ringen um Frieden, durch einen Frieden unter den Religionen beim UNESCO-Symposium in Paris 1989 und beim World Economic Forum 1990. Es bildete sich ein Council für ein 2. Parlament der Weltreligionen, dass dann zum hundertjährigen Jubiläum organisiert wurde. Dieses mal waren von Anfang an Vertreter aller Religionen an der Planung und Gestaltung des Treffens beteiligt.
Nun waren sich viele Beteiligte auch einig: „Wenn wir diesmal nach 100 Jahren wieder ein Weltparlament der Religionen abhalten, dann darf diesmal das Treffen nicht ohne echtes Ergebnis bleiben. Diese Chance dürfen wir nicht vorüber gehen lassen. Wir brauchen etwas, dass in der heutigen Welt Frieden zwischen den Religionen stiftet – Wir brauchen ein Weltethos!“ So etwa könnte man in sehr vereinfachenden Worten die damalige Stimmung ausdrücken. Prof. Dr. Hans Küng übernahm es nun während einer Zeit von 3 Jahren, eine Weltethoserklärung zu erarbeiten, die von allen Religionen akzeptiert und beschlossen würde. Hierbei musste er im Grunde theosophisch vorgehen, d.h. in allen Religionen das Gemeinsame bezüglich der ethischen Grundlagen finden, um daraus einen Konsens an Werten zu formulieren. Dieser, in langen Verhandlungen erarbeitete, Wertekonsens ist die Declaration zum Weltethos. Viele Vertreter des Judentums, Christentums, Islams, des Hinduismus, Buddhismus (Dalai Lama), der Sikhs, auch eine neuheidnische Organisation und viele viele andere unterschrieben dieses Bekenntnis. Für unsere Gesellschaft unterschrieb unsere internationale Präsidentin Radha Burnier, und das ist insofern außergewöhnlich, weil von den größeren religiösen Organisationen nur wichtige Vertreter im eigenen Namen unterzeichneten. Denn das Parlament der Weltreligionen ist kein wirkliches Parlament zu dem die großen Kirchen und Verbände Abgeordnete senden, sondern es hat Bewegungscharakter. Viele Kardinäle der Römisch-Katholischen Kirche z.B. waren zwar in Absprache aber quasi auf eigene Faust dabei. Und bei weitem nicht alle wichtigen Vertreter der großen Religionen bejahen die Weltethosbewegung oder das Parlament. Es gibt auch viele Gegner. Das heißt: Wenn nicht diejenigen Menschen weltweit, die diese Bewegung begeistert bejahen, auch aktiv werden, dann können Parlament und Weltethos auch scheitern!
Die Weltethosbewegung nahm seit dieser Declaration einen enormen Aufschwung. Auch führende Politiker weltweit setzten sich für die Verankerung des Weltethos im Bewusstsein der Menschheit ein. So unter anderem auch Helmut Schmidt, durch den die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten 1998 zustande kam. Damit sollte den weltweit anerkannten Menschenrechten auch die dazugehörigen Pflichten hinzugefügt werden. Denn die Rechte können nur wirklichen Bestand haben, wenn die Menschen sich verpflichten, sie auch anderen zu gewähren.
Der Rat der die Treffen des Weltparlamentes organisiert, hat einen umfangreichen „Aufruf an unsere führenden Institutionen“ als eine Weiterführung der Weltethoserklärung verfasst, der beim 3. Parlament in Kappstadt 1999 verabschiedet wurde. Dieser Aufruf ist nach meiner Kenntnis im Druck nicht erhältlich – es gibt aber ein Buch und eine Seite im Internet, wo man sich diesen Aufruf durchlesen kann. In der Pause bin ich gerne bereit zu zeigen, wo man ihn finden kann.
Der Höhepunkt der ganzen Bewegung war das Jahr 2001. Die Weltethosproblematik hatte bereits Eingang gefunden in die strategischen Überlegungen der Vereinten Nationen (auf Anregung von Kofi Anan). Man bereitete bei der UN in diesem Jahr ein neues Paradigma vor: die weltweite Anerkennung des Weltethos. Das Jahr 2001 wurde durch die UNO zum „UN-Jahr des Dialogs der Kulturen“ erklärt.
Nun hatte ich schon gesagt, dass die Weltethosbewegung nicht nur Freunde hat. Mit den Ereignissen vom 11. September 2001 begann ein Prozess der Störung, und des Zurückwerfens des Weltethos. Es wurde zwar noch im November die beabsichtigte UN-Resolution mit einer Globale Agenda für den Dialog der Kulturen verabschied, und damit der Durchbruch auf höchster politischer Ebene erreicht, aber in den folgenden Jahren verlor das Weltethos sehr viel Schwungkraft. Doch ist es bitter nötig, und darum nicht endgültig aufzuhalten. Wichtig ist es, sich nicht durch solche Rückschläge entmutigen zu lassen, sondern einfach weiter zu arbeiten. Denn das Weltethos kann sich nicht über die institutionelle Ebene sozusagen „von Oben“ alleine verwirklichen, sondern nur als eine Massenbewegung von unten. Diesem Anliegen dient auch mein Vortrag.
Ich möchte euch, bevor ich die Frage kläre - Wie verhält sich ideell theosophische Bewegung und Weltethosbewegung zueinander? - noch ein Video zeigen vom Weltethostreffen in Kappstadt 1999.
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Wie verhält sich nun das theosophische Konzept der Bruderschaft der Menschheit zum Weltethos?
Wir Freunde der Theosophie innerhalb der verschiedenen Theosophischen Gesellschaften haben bekanntlich das Hauptziel eine allumfassende Bruderschaft der Menschheit zu begründen, ohne das unter uns Unterschiede eine Rolle spielen, insbesondere keine Unterschiede der Rasse, der Religion, des Geschlechts usw. Um diese Bruderschaft der Menschheit zu ermöglichen, wollen wir den dazu notwendigen spirituellen Kern bilden, durch den die Wachstumskräfte aus den göttlichen Tiefen des Alls fließen, einen Kern, der den notwendigen Halt für diese Entwicklungen gibt, ähnlich dem Stein in einem Pfirsich. Der Stein des Pfirsichs ist verbunden mit dem Ast, und dieser mit dem Stamm der in den Tiefen der Erde wurzelt. So ist es auch mit dem Kern der Bruderschaft der Menschheit - er muss im Ewigen wurzeln.
Das Wichtige an einem Pfirsich ist für uns nicht der Stein im Inneren, sondern dasjenige, was sich um den Stein herum gebildet hat. So ist es auch mit dem Kern der allumfassenden Bruderschaft. Nicht auf den Kern kommt es letztlich an, sondern auf dasjenige, was um ihn herum wachsen soll. Diesem Wachstum dient der Kern.
Welche Gesetzmäßigkeiten wirken nun zwischen dem Kern und der wachsen sollenden Menschheitsverbrüderung? Innerhalb des Kerns sollte eine solche Höhe spiritueller Charakterbildung vorhanden sein, dass die Einzelnen, die diese Gemeinschaft bilden, sämtliche Unterschiede spirituell aufheben können.
Doch die Verbrüderung innerhalb der Menschheit kann so nicht vorgehen. Denn hier geht es nicht mehr um die Verbrüderung von Einzelnen, sondern um Gemeinschaften mit Millionen Mitgliedern und oft mehrtausendjähriger Geschichte. Dazu kommt, dass im Weltmaßstab auch die Strukturen denen die Menschen verhaftet sind umzuwandeln sind. Was nötig wird, ist eine Weltreformation, wie es schon das erste Manifest der Rosenkreuzer im Jahr 1614, Fama Fraternitas genannt, forderte - nur die Dimensionen sind heute viel größer. Die Verwirklichung dieser Umgestaltung begann bereits bei Helena Blavatsky, besonders aber auch durch die Revolutionärin Annie Besant und dem Theosophical Order of Service. Seine bisher höchste Stufe erreichte die theosophische Weltreform in den 1920er Jahren im "Bund für theosophische Arbeit", der viele hunderte von theosophischen Initiativen weltweit koordinierte. Dort müssen wir wieder hin kommen!
Die Menschheitsverbrüderung wird also in etwas langsamer Weise sich zunächst in einer Bruderschaft der Religionen, eine Bruderschaft der Völker und ethnischen Gruppen, eine Bruderschaft der sozialen Schichten entwickeln müssen. Die Religionen, Nationen, sozialen Klassen können sich nicht in Einzelpersonen auflösen, die dann ihre Religion, ihr Volk, ihre ethnische Identität weitgehend aufgeben, um als kosmopolitische Einzelpersonen in der Menschheit brüderlich zu wirken. Es gibt diese großen Gruppen und man gehört irgendwie zu ihnen, ob man das gut findet oder nicht. Religionen, Völker, Klassen sind nicht vom Menschen erschaffen. Sie entstehen und entwickeln sich nach Maßgabe spiritueller Wesen, und ihre Entwicklung ist längst noch nicht zu Ende. Damit die Beziehungen der Religionen, Völker und Klassen untereinander nicht tragische Formen annehmen, bedarf es bewußter Gestaltung durch ethische Regeln, die von diesen Gruppen prinzipiell anerkannt werden.
Religionen und Völker sind Kindern vergleichbar, die gemeinsam eine große Schule besuchen. Die Schüler können ihre Ausbildungsziele nur erreichen, wenn sie vor Terror, Gewalt, Erpressung, Diskrimminierung ihrer Mitschüler sicher sind, wenn sich alle fair verhalten und solidarisch miteinander umgehen. Dazu gehört auch, dass die Mehrheit gegen jene Wenigen zusammen hält, die ihren Mitschülern das Leben schwer und das Lernen unmöglich machen. Wenn nun in den Herzen der Schüler die Impulse ihrer höheren Natur gute, vernünftige Regeln beleben, die ein kameradschaftliches Streben hervorbringen, dann stellen diese freiwillig, durch Einsicht bejahten Regeln das Ethos der Schüler dar. Auf dieses Ethos kommt es an. Schulgesetze und von außen auferlegte Moralregeln helfen bekannter Maßen wenig.
So ist es auch unter den Religionen. Irgendwann in vielen, vielen Jahrtausenden werden sich hoffentlich die Religionen so hoch entwickeln, dass sie sich selbst transzendieren, und dadurch alle Unterschiede zwischen ihnen verschwinden, da alle religiöse Menschen erfahren, wie das göttliche Licht direkt in sie hineinstrahlt. Das ist fernste Zukunft. In der Gegenwart ist es dagegen wichtig, einen ersten Schritt in Richtung Bruderschaft der Religionen zu unternehmen, und dieser Schritt ist das Weltethos. Aber ein Weltethos, dass nicht mit der Vernunft bejaht, mit dem Herzen ergriffen und in freiem Willen ausgeführt wird, degeneriert zu einem bloßen Weltmoralkodex - und ein solcher hilft wenig! Darum ist es so wichtig, dass wir z.B. die Weltethoserklärung nicht einfach nur gut finden, sondern spirituell studieren - denn nur aus denkendem Erkennen kann unsere Vernunft frei bejahen, und dass wir die Erklärung in unsere religiösen Empfindungen und Bestrebungen einbeziehen - denn von Herzen ergreifen wir nur, was wir lieben lernten. Daraus kann dann der Entschluss entstehen, uns für das Weltethos einzusetzen, weil wir begreifen, was heute notwendig ist und was für uns alle auch auf dem Spiel steht, wenn wir diese einmalige Chance in der Geschichte der Menschheit ungenutzt lassen.
Ich möchte nun noch mit einem Video auf das nächste Parlament der Religionen aufmerksam machen, dass in diesem Jahr vom 3. – 9. Dezember in Melbourne stattfinden wird. Vielleicht hat ja der eine oder andere die Möglichkeit dabei zu sein.
Ich danke für Eure Aufmerksamkeit.
Bonus
The 1993 World Parliament of Religions: Radha Burnier The 1993 World Parliament of Religions: The Dalai Lama